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Die Himmelsleiter
Die "Psychologischen Aphorismen" und ihre heutige Bedeutung
In der Erzählung des Alten Testaments zieht Jakob nach Harran, um seinem Bruder zu entfliehen und sieht auf dem Weg in einer Traumvision Engel die Himmelsleiter auf- und niedersteigen.
Was könnte eine moderne Entsprechung dieser Erfahrung sein? Was könnte ein zur Freiheit ringendes Ich erleben, das diesem Blick auf den Auf- und Abstieg der Engelwesen entspräche?
Oder anders gesprochen: Wie muss die Erfahrung einer Himmelsleiter aussehen, wenn der Mensch heute den Geist im Irdischen sucht? Und noch deutlicher formuliert: Kann in unseren Tagen ein Streben Über-Sich-Hinaus zu einem Tiefer-in-Sich-Sein führen?
In einer esoterischen Stunde vom 10.2.1913 spricht Steiner im Zusammenhang mit dem Spruch: «Ich bin nicht nur für mich auf der Welt, sondern um meinem Urbild ähnlich zu werden.» von einer siebenstufigen Leiter, die sich der Schüler am Tage vor die Seele stellen solle. In den Erläuterungen dazu wird auf das entsprechende ägyptische Symbol hingewiesen, welches das Herabsteigen der himmlischen Seelen in der Milchstrasse durch die sieben Planetensphären darstellt, einer Leiter also, die in sieben Stufen, jeweils mit einem Tore, vom Himmel zur Erde reicht.
Steiner stellt damit dem Geheimschüler einen siebenstufigen Weg vor Augen, der dem Ich den Weg zu seinem Urbild weist. Es ist also der Weg des Ich selbst, den ein modernes Verständnis in dieser Auffassung der Jakobsleiter finden kann.
Heute, nochmals gut hundert Jahre nach dem Tode Rudolf Steiners, kann eine tiefere Beschäftigung mit den «Psychologischen Aphorismen» (GA 36) zu einer solchen Erfahrung der Himmelsleiter führen. Ein möglicher Weg dorthin, entsprechend der Wanderung Jakobs nach Harran, soll hier vorgestellt werden. Spannend dabei ist zunächst der geschichtliche und inhaltliche Kontext, in dem diese Aphorismen Steiners stehen. Hatte Steiner sich vom Jahre 1919 an intensiv für eine Dreigliederungsbewegung eingesetzt und alle Initiativen in dieser Richtung umfassend unterstützt, so war dieses unmittelbare Einsetzen für diesen Impuls, salopp gesprochen, nach etwa drei Jahre im Jahre 1921 am Abflauen. Stattdessen hatte Steiner eine neue Bewegungsrichtung aufgeworfen, die in verschiedenen, von ihm verfassten Artikeln in der Goetheanum-Zeitschrift (GA 36) zum Ausdruck kamen. Die Weltfrage wurde gestellt, und mit ihr die Frage, wie der tiefliegende West-Ost-Konflikt gelöst werden könne. Zunächst charakterisiert Steiner die seelisch-geistige Situation der Menschen wenige Jahre nach dem ersten Weltkrieg:
«Man gesteht sich: Vieles müsste geschehen. Aber eine grosse Müdigkeit ist zugleich in die Seelen der Menschen eingezogen. Ein Unglaube an die menschliche Kraft.»
Eine Woche später stellt er dazu:
«Ohne eine Erneuerung des Seelischen wird der weitere Menschheitsfortschritt unmöglich gemacht. … Das von aussen kommende Licht wird nicht zur Lichtwahrnehmung, wenn es nicht von einem inneren Lichte empfangen wird.»
Am 11.9.21 führt er diesen Gedanken fort und zeigt einen Lösungsansatz auf:
«Aber man braucht Ideen, die aus der Macht des Geistes heraus so wirken, dass die einzelnen Menschen kraft des Allgemein-Menschlichen sich um sie versammeln. Von der Reinheit, mit der solche Ideen unter die Menschen gebracht werden, wird es abhängen, ob der Weg aus dem Chaos gefunden werden kann.»
Dieser eingeschlagene Weg führt im Sommer 22 zu den West-Ost Aphorismen, die mit dem grossen Ost-West Kongress in Wien Anfang Juni 22 einhergehen, und kulminiert am 2.7.22 in den Psychologischen Aphorismen. In ihnen wird von einem Geistesleben gesprochen, rein und klar, um das sich Menschen zu neuem Aufbruch sammeln können.
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Die Psychologischen Aphorismen
In sieben Abschnitten werden kurzum die sieben Stufen des inkarnierten Ich charakterisiert.
1. Auf der ersten Stufe identifiziert sich das Ich mit seinem Selbst, genauer, mit dem begehrenden Selbst. Das Ich wird als Quell der Selbstsucht charakterisiert.
2. Die zweite Stufe stellt eine Grenzerfahrung für das Ich dar. Im hellen Gedanken dunkelt das Ich ab und Welt strahlt im Lichte auf. Das Gedankenlicht kann jedoch das Dunkel des Ich nicht erhellen.
3. Im Lichte eines reinen Denkens erstehen dem Ich sodann neue Impulse; in dieses Denken strahlt eine höhere Welt hinein. Das reine Denken eröffnet dem Ich einen Weg der Schulung, einen Weg der Geistes-Schulung. Denn das Ich kann Impulse fassen, die nicht der Welt des Selbst entstammen.
4. In der Ich-Erfahrung geht dem Ich sodann die eigene Geist-Natur auf; es vollzieht einen Ruck, indem es sich vom Gedankeninhalt löst und im Vollzug selbst erfährt. Dies ist die Erfüllung des Verlangens, welches das Ich im Körper als Selbst entwickelt.
5. Der neu gewonnenen Unbefangenheit des reinen Ich offenbart sich nun die geistlose Natur als pures Geist-Verlangen.
6. Weiter zeigt sich, dass die Naturgrundlage des ökonomischen Lebens sich dem gewöhnlichen Erkennen entzieht. Auch hier entsteht ein Ruf nach Geist-Erkenntnis, nach einer Erweiterung des Erkenntnisstrebens.
7. Auf der siebten Stufe des Ich lebt das Verlangen nach einer ganzheitlichen Erkenntnisform, die Ich und Natur umschliesst. Wahre Ich-Erkenntnis begreift auch die Natur; Natur- und Geisteswissenschaft können sich zu einem Ganzen ergänzen, das Natur (Welt) und Ich umfasst. Der schaffende Geist schaut derart die geschaffene Natur.
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Die sieben Stufen im Begriff gefasst:
1. Selbst-Identifikation
2. Ich-Dunkel
3. Sein oder Nicht-Sein
4. Tod und Auferstehung
5. Natur als Grab, als Weg zum Geist
6. Ökonomie als Erkenntnisgrenze
7. Ich-Natur = Natur-Ich
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Es handelt sich um ein siebenstufiges Verlangen:
A) Verlangen
B) Licht-Verlangen
C) Geist-Verlangen
D) Ich-Verlangen des Körpers
E) Geistverlangen der Natur
F) Erkenntnisverlangen des Sozialen
G) Verlangen nach einer Ganzheit
Es wird deutlich, dass es sich um sieben Stufen des Ich, um einen Ich-Weg handelt.
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Das ICH – als Kompass
1. Es identifiziert sich mit dem Selbst
2. Es stösst denkend an eine Grenze
3. Es berührt sich im reinen Gedanken
4. Es schwingt sich zur Ich-Erfahrung auf
5. Es berührt die Natur
6. Es berührt den Sozialleib, die Ökonomie
7. Es ist Natur – Natur ist Es.
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Die vorhergehenden begrifflichen Konzentrationen der Psychologischen Aphorismen verstehen sich als eine mögliche Individualisierung des universellen Geistes, der auch in dieser Sprachschöpfung Rudolf Steiners zum Ausdruck kommt. Sie soll dem Leser als Anregung dienen, mit immer neuen Gesichtspunkten an diese kristalline Sprachgestaltung heranzutreten, um sie sich zu eigen machen zu können. Denn dies ist ja das Hauptkriterium des Ich, wie Steiner schon in einer seiner ersten schriftlichen Äusserungen formuliert:
«Es muss also durch das Ich eintreten, es muss umgewandelt werden von dem Ich zu seinem eigensten Wesen, damit das Ich bleiben könne, zu was es sich selbst macht.» (Fichte Fragment, Kapitel II)
An dieser Stelle kann die Frage entstehen, was weiter mit diesen Aufstellungen gewonnen ist?
Zum einen wird ansichtig, wie kristallklar die Struktur dieser Psychologischen Aphorismen ist. Zum anderen zeigt sich ein Weg des Ich, der auch in dieser Form bewusst geübt werden kann. Es soll nun untersucht werden, ob damit nicht der sogenannte Schulungsweg, der Weg, den der Mensch geht, um zu geistiger Erkenntnis zu gelangen, in einer zeitgemässen Weise verstanden und angegangen, zumindest aber befruchtet werden kann.
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Die sieben Stufen des Ich als Orientierung für den Schulungsweg
1. Selbstidentifikation
Das gewöhnliche Leben spielt sich vielfach in der Selbstidentifikation, also der ersten Ich-Stufe ab. Hier erlebe ich mich zu aller erst, mich, mit meinen Bedürfnissen, in meinem Verlangen und meinem Selbstgefühl. Ich ist Selbst. Jedoch eröffnet Steiner auch hier ein ganzes Beobachtungsfeld, indem er das Ich-Erlebnis in eine Reihe stellt mit dem eher instinktiven Erleben der unterschiedlichen Lebensprozesse, wie Ernährung, Atmung oder Wärmung.
2. Ich-Dunkel, oder das Leben im Gedankenbild
Ich lebe aber auch im Gedanken. In diesem ergreife ich Welt und lasse sie sich im Gedanken aussprechen; jedoch lebe ich hier in einem Selbst-Vergessen, das mich zunächst zurück in die Selbst-Identifikation treibt. So lebt das Ich in einem Hin- und Hergetrieben-Sein zwischen Selbst und Welten-Schein. Es lebt zumindest im Hintergrund der Seele, wenn nicht gar bewusst und immer drängender die Frage und das Streben nach der Wirklichkeit. Das Ich fasst sich im Bild; es beginnt sich als Schein zu begreifen. Es sehnt sich nach dem Sein.
3. Das reine Denken – Sein oder Nicht-Sein
Die dritte Stufe kann hier und da aufleuchten. Das gewöhnliche Bewusstsein befindet sich im Prinzip auf dem Weg zu diesem Aufleuchten. Stellt doch das naturwissenschaftlich geprägte Bewusstsein ein Leben gegen den Sinnesschein dar.
Jedoch kann sich das Bewusstsein erst durch einen bewusst geführten Schulungsweg immer mehr gegen das schlafende und träumende Leben des Ich abgrenzen. Jede Übung, die das Ich im Schulungsweg vollzieht, ist ein Aufleuchten der Stufe des reinen Gedankens; entspringt der Impuls jeder dieser Übungen doch nicht dem Selbst, sondern dem Ich, das sich gegen dieses durchzusetzen strebt.
Diese dritte Stufe ist sozusagen der Ansatz des Schulungsweges. Es können von hier aus moralische Impulse ins Leben herein spielen, die dem reinen Denken entstammen. Gelingt zeitweise ein Leben im reinen Gedanken, so beginnt das Ich sich selbst zu berühren oder gar begrifflich zu fassen.
Das Selbstverständnis des Denkens ist dabei entscheidend. Die Aufklärung hat ihren Weg bis zum Denken selbst gefunden; jedoch stellt diese Etappe der Aufklärung eine solche dar, die jeder Mensch selbständig zu vollziehen hat. Das Denken ist in der europäischen Denkentwicklung selbst zum Gegenstand des Denkens geworden. Und durch Steiner wurde dies in einer dem Gegenstand des Denkens adäquaten Form wissenschaftlich ausgearbeitet. Das Instrument dieser Bearbeitung ist die seelische Beobachtung nach naturwissenschaftlicher Methode. Zunächst wird deutlich, wie das Denken selbst sozusagen der blinde Fleck des gewöhnlichen Bewusstseins darstellt. Auf alles wird der denkende Blick gerichtet; nur auf das Denken nicht. Und nun zeigt Steiner, dass das Denken als seelisch-geistiges Wesen unmittelbar in den Blick genommen werden kann. Das Denken will in seiner Reinheit durch sich selbst wahrgenommen und verstanden sein. Was bedeutet das? Es bedeutet, dass der Mensch in seinem Denken einem Element begegnet, das durch sich selbst erklärlich ist. Diese Erfahrung kann allein im reinen Denken gemacht werden, in einem Denken also, das nichts von der Sinneserfahrung in sich trägt. Dadurch, dass das Denken sinnlichkeitsfrei wird, entsteht ein seelisch-geistiger Raum, in den von einer anderen Seite, von geistiger Seite her Gehalt einströmen kann. Moralische Impulse entstammen diesem neuen Raum.
Die freie Tat leuchtet als ein hohes Ideal auf. Sie beginnt, ins Leben herein zu flackern. Das Ich beginnt mit sich selbst zu ringen, mit seinem Selbst. Mal erweist sich das Selbst, mal das Ich als stärker. Das moderne Leben zeigt viele Facetten dieses Ringens. Langfristig muss sich das Selbst dem Ich beugen und selbst zum Ausdruck der Taten des Ich werden.
An dieser Stelle muss eine brennende Frage aufflammen: Ist es nicht so, dass alle Entdeckungen, die mit der naturwissenschaftlichen Methode gewonnen werden, von diesem Moment an für die Menschheit errungen wurden und zur Verfügung stehen? Warum aber konnte sich diese bahnbrechende Errungenschaft Steiners bis heute nicht durchsetzen? Diese Frage muss beantwortet werden, um die aktuelle Weltsituation auch nur ansatzweise zu verstehen.
Ein weiteres Element dieser dritten Stufe ist das Üben des reinen Denkens im Studium. Dies kann in reinster Form in den Schriften Steiners geübt werden; es kommt einer regelmässigen Gedankenarbeit ein wesentliches Element im Schulungsweg zu. Das Frühwerk Steiners eignet sich hier in Besonderem. Jedoch kommt es bei diesem Studium darauf an, dass das von Steiner Entwickelte wirklich in das eigene Denken übernommen, dass es also zum Gehalt des eigenen Denkens wird. .
Auf dieser dritten Stufe beginnt das Ich sich also zu regen; es tritt in eine innere Aktivität, die sich insbesondere im Üben und Vollziehen des reinen Denkens äussert; weiter in den Übungen des Schulungsweges, die in den Ansätzen der Meditation kulminieren.
4. Die Ich-Erfahrung – Tod und Auferstehung
Die vierte Stufe wendet sich nun den Bestrebungen des Ich zu. Das Ich sucht sich auf dieser Stufe selbst. Es sucht sich aber in seiner Seinsnatur, da, wo es sich als reales, als real-wirkendes Ich bekunden konnte. Erst auf dieser vierten Stufe, der Ich-Erfahrung, ergreift das Ich sich selbst ganz bewusst, indem es sich nicht nur im reinen Gedanken berührt, sondern im Denkwillen erlebt. Es leuchtet derart nicht nur der Geist auf, bzw. strahlt nicht nur herein in das gewöhnliche Seelenleben; der Geist wird in der Seele vielmehr zur Wirklichkeit und kann in ihr reales und waches Sein auf der Erde gewinnen. Dies zeigt sich auch darin, dass das Ich beginnt, sich in der Welt wiederzufinden! Felsenfest kann das Ich derart in den Wogen eines Lebens stehen, das sich im Dialog von innen und aussen erdet und fundiert. Die Ich-Erfahrung ist in seiner Bedeutung nicht zu unterschätzen. Erlebt und weiss sich das Ich doch als Ich, es erlebt und weiss sich im Geist als Geist.
Hat das Ich einmal die Ich-Erfahrung machen dürfen, wird es in Zukunft nichts unterlassen, um sie wieder und wieder aufzusuchen. Das Verlangen nach dem Ich zeigt sich als das aller stärkste und übertrifft damit alle vorher erlebten Begehrungen. Das Ich kann und will immer weniger leben, ohne sich in seinem Sein berühren und erleben zu dürfen. Denn dieses Seinserleben des Ich stellt alles Bisherige, alle davor gemachten Erfahrungen zunächst in den Schatten. Es kann dabei von einer Umkehrung des Erlebens gesprochen werden. Vieles erscheint nach und nach im völlig neuen Licht und neuer Perspektive. Denn hat sich das Ich aktuell berührt und gefunden, muss es sich nicht länger suchen. Die Ich-Sucht kehrt sich um und wird zur Selbstlosigkeit. Es ist dies eine faszinierende Erfahrung. Was vorher unbedingt vermieden werden wollte, wird plötzlich mit aller Macht und Überzeugung angegangen! Der Mensch lebt von nun in zwei Seinsformen, die sich auf das Deutlichste unterscheiden, ja gegenseitig widersprechen und abstossen.
Das tägliche Wieder-Eintauchen in die oben auf Stufe eins charakterisierte Selbstidentifikation kann nun wie ein Sterben des Ich erlebt werden, das sodann um seine Wieder-Auferstehung zu kämpfen strebt.
Zu dieser Stufe passen die ersten Worte eines Meditationsspruches von Rudolf Steiners:
Im Reinen Gedanken findest du das Selbst, das sich halten kann.
5. Der Weg zum Geiste der Natur
Der heutige Mensch berührt diese fünfte Stufe insbesondere in der Tiefe der Meditation. Das Meditieren übergreift mehrere Stufen des Ich. Der zitierte Meditationsspruch lautet weiter:
Wandelst zum Bilde du den Gedanken, erlebst du die schaffende Weisheit.
Strahlte der Geist auf der dritten Stufe in das seelische Leben herein, dieses inspirierend zu moralischem Tun, so wird das Ich auf der fünften Stufe selbst bildhaft schaffend. Hier ist es keine empfangende Geste mehr; vielmehr eine aktiv bildende – das Ich wird produktiv. Dadurch befähigt es sich, dem schaffenden Geist in der Natur zu begegnen; denn nur Gleiches kann Gleiches erkennen, was schon Aristoteles statuierte. Dem Ich wird es möglich, ein inneres Licht dem äusseren, geistigen Licht entgegenzutragen.
Für eine innere spirituelle Begegnung mit der Natur ist dies essentiell. Denn um das Geistige der Natur wahrnehmen zu können, muss das Ich die untätige und müde Haltung des gewöhnlichen Bewusstsein ablegen. Es muss das eigene Sein oder Licht berühren, um dem Sein oder Licht der Welt begegnen zu können.
6. Das Soziale als erneute, objektive Erkenntnisgrenze
Auf der sechsten Stufe begegnet das Ich einer erneuten Grenze. Diesmal ist die Grenze jedoch nicht subjektiv, also am Selbst zu erleben, sondern objektiv an dem oder den Anderen. Die Lebendigkeit der Naturbegegnung muss verlassen werden; es bedarf eines Opfers. Das Innere des Ich muss sich in sich stählen, um sich der Begegnung mit einem anderen aktiven Innen zu befähigen. Es würde sonst mit dem anderen verschmelzen und dadurch das Bewusstsein verlieren.
Steiners Meditation umfasst auch diese Stufe:
Verdichtest du das Gefühl zum Licht, offenbarst du die formende Kraft.
7. Ich und Welt sind eins
Die siebte Stufe berührt die vollkommene Einheit von Ich und Welt. Denn das Ich entdeckt in sich die schöpferische Kraft als eine Ausdrucksform, die individuell und zugleich universell ist. Das Zugehen des Einen ist das Entgegentreten des Anderen und umgekehrt.
Verdinglichst du den Willen zum Wesen, so schaffst du im Weltensein.
Das webende Licht
Eine schöne Möglichkeit, das Gewonnene weiter zu verdichten, ist, die sieben Stufen als Qualitäten des Lichts zu charakterisieren, wie es ja Steiner auch anregt. Welche Lichtqualität entspricht den einzelnen Ebenen des Ich? Und welche Farbe?
1. gleissend, unrein, flackernd,saugend
2. blendend, milchig, düster, kühl, grell, hell-dunkel
3. Reinheit, Klarheit, strahlend, kristallin, verdichtend, gradlinig, bohrend, klärend, konzentrierend, einsichtig, kalt, stählend
4. erhebend, lichtend, erstrahlend, erhellend, befreiend, entzündend, konzentrierend-weitend, dynamisch, bewegend, stärkend, erdend, durchsichtig, gesundend, richtend, aufrichtend, ergreifend, belebend, erlösend, erfüllend
5. lebendig, lebend, ja Leben schenkend, beseelend, welterhellend, sehend, entzündlich, strahlig, hellend, webend, dynamisierend, farbig-färbend
6. selbstlos, aufnehmend, innig, Innenschein
7. allumfassend, vereinend, schenkend, liebend
Auf eine Qualität konzentriert:
1. saugend
2. blendend
3. klärend
4. strahlend
5. lebend
6. inniglich
7. schenkend
Auf der dritten Stufe der Aphorismen steht das reine Denken an zentraler Stelle.
40 Thesen zum reinen Denken
Um einen festen Punkt der Erkenntnis zu gewinnen, muss zuallererst das Denken begriffen werden.
Das Denken ist eine seelische Erscheinung, es besitzt seelisch-geistiges Sein.
Es ist zunächst der blinde Fleck des gewöhnlichen Bewusstseins.
Das Denken erscheint nur, wenn das Ich sich regt, wenn es tätig wird.
Das Denken kann durch sich selbst verstanden und ergriffen werden; es ist zu einer vollständigen Selbstdurchleuchtung fähig.
Reines Denken ist gesetzmässig und daher rein aus sich selber sprechend – es trägt sich selbst.
Es ist in sich schlüssig, selbsterklärend und benötigt keinerlei Beweise.
Es ist evident, glasklar und durchsichtig.
Reines Denken ist Ursprung und Ziel zugleich, da es sich aus dem gestaltet, worauf es zugeht.
Reines Denken ist Wesenstausch – es vollzieht sich im Mitvollzug eines sich selbst Tragenden.
Reines Denken offenbart Wesenhaftes.
Da der Ursprung der Erscheinung des Denkens in dem sich regenden Ich liegt, führt das Denken durch sich selbst zu dem Ich.
Das reine Denken hat eine Ich-Gestalt und ist reine Ich- Tätigkeit.
Das Denken ist in seinem Aufbruch mühevoll und in der Vollendung erlösend.
Das Denken kann nicht nur sich selbst, es kann auch alles andere durchleuchten.
Reines Denken ist ein Gefäss, in dem alles zu dem werden kann, was es in Wirklichkeit ist.
Reines Denken ist insofern ur-sozial.
Reines Denken ist nährend, erfrischend und heilend – ja, es ist leibbildend.
Reines Denken ist ein moderner Zugang zum Christentum.
Und doch ist das reine Denken frei von der Sinneswahrnehmung wie von jedem leiblichen Wirken.
Denken ist keine subjektive Tätigkeit; es ist eine universelle Tätigkeit; eine Tätigkeit, in die das Universum, der Kosmos hereinragt.
Im Denken eint sich der Mensch mit dem Kosmos; er nimmt teil an dem schöpferischen Sein der Welt.
Das Denken kennt keine Grenze, es überwindet jede Grenze, es ist grenzenlos.
Das Denken nimmt alles in sich auf, es ist vollständige Einheit, reine Ganzheitlichkeit.
Das reine Denken ist pures Leben, es lässt sich nicht festhalten oder anbinden.
Es ist die Mitte aller möglichen Anschauungen, das Verbindende der unterschiedlichen (12) Weltbetrachtungen.
Insofern integriert das Denken jeden Gegensatz und vereint diesen auf höherer Stufe.
Das reine Denken macht auf Fehlendes aufmerksam, da es in sich vollständig ist.
Das Denken ist reine Form; es bedarf der Ergänzung durch die Materie.
Im Ich-Begriff trägt das Denken die Materie in sich; hier findet das Denken den Eintritt in die Wirklichkeit.
Das Denken steht unterschiedlich zum Menschen und seinem Erleben:
a: Als Universalie ante res lebt das Denken universell, als Potenz, unerschöpflich
b: Als Universalie in res verbindet es sich durch die Wahrnehmung mit der Erde und dem konkreten Menschen und tritt weltgestaltend auf
c: Als Universalie post rem lebt es im seelischen Erleben des Menschen und bereichert dieses
Reines Denken berührt einen Weltbereich reiner Potenz und Entwicklung.
Das reine Denken ist zunächst die höchste Form der im Menschen lebenden Geistigkeit.
Die Bewusstseinsseele bildet sich durch das reine Denken aus – ohne reines Denken keine Bewusstseinsseele.
Doch ist das Denken entwicklungsfähig. Es kann, da es im Ich-Begriff die Materie berührte, die Geistigkeit nun auch in anderer Form aufsuchen.
Das Ich hat wesentlichen Anteil am reinen Denken, es schafft das Bewusstsein im reinen Denkprozess und ermöglicht das Eintreten der Intuition durch das Geistselbst.
Das reine Denken ist auch frei vom Fühlen; jedoch kann ein Fühlen im Denken selbst ausgebildet werden, so dass es sich im Weiteren zu höheren Organen entfalten kann.
Reines Denken kann richtig, wahr und wirklich sein.
Reines Denken ist die Grundlage der menschlichen Freiheit.
Es kann von der Philosophie in die Anthroposophie führen.
Aktuelles
Nebenstehend findet sich ein noch fortlaufender Text, der im Kontext der Seminararbeit in Dornach am entstehen ist.
Folgende inhaltliche Schritte sind bisher vollzogen:
- Historischer Kontext der Psychologischen Aphorismen
- Blick auf die Gestalt und den Gehalt der Aphorismen
- Die sieben Ich-Stufen, die Steiner in den Aphorismen zum Ausdruck bringt
- Verdichtung der Stufen in Qualitäten des Lichts
- 40 Thesen zum reinen Denken